Kabinengeflüster: Dolmetschen in der Neuen Welt

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04. November 2021

Warum Dolmetschen?

Als Kind habe ich sehr viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. Mein Opa hat damals in den 1980er Jahren einen Fernkurs für Englisch belegt und mit mir im zarten Kindergartenalter die Lernkassetten gehört. Oft haben wir auch gemeinsam Telekolleg mit Graham Pascoe geschaut. Tatsächlich glaube ich, dass sich meine Leidenschaft für Englisch und die britische Aussprache schon damals entwickelt haben. In der Oberstufe verbrachte ich dann ein Jahr an der Ostküste der USA. Danach war klar, dass ich Dolmetscherin werden möchte. Nach meiner Rückkehr hatte ich oft noch Interferenzen in der Alltagssprache: manchmal verfiel ich mitten im Satz ins Englische, oder die Wörter kollokierten nicht. Mich beschäftigte und faszinierte, warum man beispielsweise in Amerika „in the shower“ ist, in Deutschland aber „unter der Dusche“. Ich wollte mich aber nicht nur in der Theorie mit Sprache beschäftigen, sondern sie aktiv in meinem Beruf nutzen. Und so begann ich dann mein Studium an der heutigen TH Köln und wurde Diplom-Dolmetscherin.

Außergewöhnlichster Einsatz

Auf dem freien Markt bin ich es gewohnt, zu verschiedenen Themen an abwechslungsreichen Orten und für die unterschiedlichsten Zielgruppen im Einsatz zu sein. Ich finde es unfassbar bereichernd, mich immer wieder in neue Fachgebiete einzuarbeiten und über Dinge zu lernen, von denen ich sonst nicht einmal gewusst hätte, dass es sie gibt. Das ist das Privileg unseres Berufes.

Mein unvergesslichster (und am weitesten entfernter) Dolmetscheinsatz aber war wohl eine Delegationsreise deutscher Vertreter des Internationalen Diakoniezentrums nach Houston, Texas, USA. Im Rahmen dieses Auftrags hatte ich die Gelegenheit, hinter die Kulissen des NASA Space Center zu blicken. Hier hat im berühmten Mission Control Center ein echter Astronaut über seine Erlebnisse und Erfahrungen im All berichtet und Fragen der Diakone beantwortet. Anschließend konnten wir im Neutral Buoyancy Lab weitere Astronauten bei ihrer Ausbildung beobachten: Um sich unter realistischen Bedingungen auf Außenbordeinsätze vorzubereiten, führten sie in einem riesigen Tauchbecken unter Wasser und in Schwerelosigkeit Reparaturarbeiten an einer lebensgroßen Nachbildung der Internationalen Raumstation durch.

Herzensangelegenheit

Bleibt anpassungs- und begeisterungsfähig! Nicht nur die Sprache verändert sich, sondern das gesamte Dolmetschgeschehen. Unsere Arbeitswelt durchläuft einen Wandel; das hat die Corona-Pandemie einmal mehr gezeigt. Es mag vorsintflutlich klingen, aber als ich mit dem Dolmetschen anfing, hatten wir noch keinen Laptop in der Kabine, geschweige denn Internetzugang und E-Mail-Empfang. Wir haben die Ausdrucke von Reden und unsere Wörterbücher mit zu den Einsätzen geschleppt! Und heute gehört das Ferndolmetschen in all seinen Facetten (vom eigenen Rechner, aus dem Hub heraus, als Hybridlösung…) zu meinem Alltag. Hatte ich mir das zu Beginn meiner Dolmetschlaufbahn so vorgestellt? Nein! Aber ich habe gemerkt, dass mir das Dolmetschen immer noch riesigen Spaß bereitet (auch wenn die Bedingungen nach wie vor bei Präsenzeinsätzen wesentlich besser sind). Noch nie habe ich so viele Teams organisiert wie in der digitalen Dolmetschwelt! Und ich bin überzeugt davon, dass mir das ohne ein so enges Netzwerk aus Kolleginnen und Kollegen und ohne den Berufsverband VKD nicht gelungen wäre. Ich finde es toll, wie wir zu Lockdownzeiten in Webinaren wertvolle Tipps erhalten haben, wir uns aber auch in privaten Videochats unterstützt, Zuspruch gegeben, über die Entwicklungen im Bereich RSI und gute Tonqualität ausgetauscht und unsere eigenen Erfahrungen in aller Ehrlichkeit weitergegeben haben. Wir haben uns vereint, statt einzeln dem großen Unbekannten gegenüberzutreten. Das hat uns nicht nur beruflich weitergebracht, sondern durch das Fachwissen und die gebündelte Erfahrung von uns beratenden Dolmetscherinnen und Dolmetschern konnten auch unsere Kundinnen und Kunden gerade in der jetzigen ungewissen Zeit einen großen Mehrwert für ihre mehrsprachigen Veranstaltungen ziehen.

Autorin
Nadine Hegmanns

Nadine Hegmanns ist seit 2006 als selbstständige Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A) und Englisch (B) tätig. Wenn sie nicht auf Simultan- und Konsekutiveinsätzen in der virtuellen oder realen Welt unterwegs ist, dann fertigt sie schriftliche Transkreationen von Werbe- und Marketingtexten im Print- und Digitalbereich an.

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